Antwort: Aktueller Stand der Obdachlosigkeit und Kapazitäten im Winternotprogramm 2025 / 2026 in Hamburg-Mitte

Die Situation wohnungs- und obdachloser Menschen in Hamburg-Mitte hat sich weiter verschärft. Aktuelle Zahlen belegen einen deutlichen Anstieg der Obdachlosigkeit:

Anfrage nach § 27 BezVGDrucksachen–Nr.: 23-1073
Datum: 26.11.2025

Beratungsfolge
 GremiumDatum

Antwort: Aktueller Stand der Obdachlosigkeit und Kapazitäten im Winternotprogramm 2025 / 2026 in Hamburg-Mitte (Anfrage der Fraktion DIE LINKE)

Fragestellerinnen und Fragesteller: Antonia-Luise Ivankovic, Theresa Jakob, Steffen Leipnitz, Susanne Morgenstern, Maureen Schwalke, Carina Sickau, Nora Stärz, Marinus Stehmeier, Ronald Wilken

Die Situation wohnungs- und obdachloser Menschen in Hamburg-Mitte hat sich weiter verschärft. Aktuelle Zahlen belegen einen deutlichen Anstieg der Obdachlosigkeit:

  • Über 3.800 Menschen leben in Hamburg auf der Straße. (Leben-im-Abseits e. V.)
  • Mindestens 47 Menschen sind zwischen September 2024 und März 2025 verstorben, davon 21 direkt auf der Straße. (Diakonie Hamburg)
  • Die Zahl der Obdachlosen hat sich seit 2018 nahezu verdoppelt. (Nordkirche)

Die Anfrage soll umfassend klären, inwieweit das Winternotprogramm in Hamburg-Mitte den steigenden Bedarf abdeckt, wie medizinische Versorgung und Hygiene sichergestellt werden, welche Maßnahmen
zur Prävention von Todesfällen und gesundheitlichen Risiken bestehen und welche Umsetzungsschritte bislang erfolgt sind. Ziel ist die Sicherstellung von menschenwürdigem Schutz, gesundheitlicher Versorgung und ganztägigem Zugang für alle obdachlosen Menschen.

Vor diesem Hintergrund fragen wir die zuständigen Stellen insbesondere die Sozialbehörde und bitten um umfassende Informationen zu den folgenden Punkten:

Die Behörde für Gesundheit, Soziales und Integration (Sozialbehörde) beantwortet die Anfrage wie folgt:

1. Aktueller Stand der Obdachlosigkeit in Hamburg-Mitte
a) Wie viele Menschen leben aktuell im Bezirk Hamburg-Mitte auf der Straße?

Der 2. Wohnungslosenbericht des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) wurde im Januar 2025 veröffentlicht. Darin wurden erstmals bundesweit Daten zur Anzahl der obdachlosen Menschen erhoben. Aktuell sind demnach deutschlandweit rund 47.300 Menschen obdachlos, siehe:
https://www.bmwsb.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/Webs/BMWSB/DE/2025/01/Wohnungslosenbericht.html.
Davon leben knapp 3.800 Menschen in Hamburg. Eine Differenzierung nach Bezirken erfolgte dabei nicht.

b) Wie viele Menschen sind im Bezirk Hamburg-Mitte derzeit in Unterkünften untergebracht?

Die von Fördern & Wohnen AöR (F&W) betriebenen Notübernachtungsstätten im Bezirk Hamburg-Mitte nutzten am 26. Oktober 2025 folgende Anzahl an Personen:

NotübernachtungsstätteAnzahl Nutzende
26. Oktober 2025
Pik As, Eiffestraße 398 (330 Plätze)330
Frauenzimmer, Hinrichsenstraße 4 (60 Plätze)57
Friesenstraße 22 für besonders vulnerable obdachlose
Personen (220 Plätze)
157

 c) Wie viele Personen konnten bislang keinen Platz im Winternotprogramm erhalten, obwohl sie Anspruch hatten?

Das Winternotprogramm 2025/2026 startete am 01.11.2025. Alle Anspruchsberechtigten haben zum Beginn des Winternotprogramms 2025/2026 einen Übernachtungsplatz erhalten.
Im Verlauf des Winternotprogramms 2024/2025 vom 01.11.2024 bis 31.03.2025 musste keine Person, die Anspruch auf einen Übernachtungsplatz hatte, von F&W abgewiesen werden.

2. Kapazitäten und Zugang im Winternotprogramm 2025/2026
a) Wie viele Plätze stehen im Winternotprogramm 2025/2026 im Bezirk Hamburg-Mitte insgesamt zur Verfügung? Bitte nach Standorten und Trägern aufschlüsseln.
b) Wie viele zusätzliche Plätze wurden im Vergleich zum Vorjahr geschaffen?
c) Welche Maßnahmen werden ergriffen, um Kapazitätsengpässe kurzfristig und mittelfristig zu beheben?

Mit dem Winternotprogramm 2025/2026 werden erneut die ganzjährigen Notübernachtungsstätten Pik As und Frauenzimmer ergänzt. Ab dem 1. November 2025 kommen während des Winternotprogramms insgesamt 400 Übernachtungsplätze am Standort in der Friesenstraße 22 und 300 Übernachtungsplätze am Standort in der Châu-und-Lân-Straße 6 hinzu, die wie die ganzjährigen Notübernachtungsstätten von F&W betrieben werden. Die Anzahl der Übernachtungsplätze an den Standorten von F&W ist im Vergleich zum Winternotprogramm 2024/2025 unverändert. F&W verfügt mit den Notübernachtungsstätten und in der öffentlich-rechtlichen Unterbringung über Kapazitäten, die eine zusätzliche Flexibilität gewährleisten. Zudem können bei Bedarf durch eine verdichtete Belegung weitere Übernachtungsplätze an den Standorten generiert werden.

Im Bezirk Hamburg-Mitte beteiligen sich im Rahmen des Winternotprogramms 2025/2026 folgende Kirchengemeinden und Hochschulen:

Träger Winternotprogramm 2025/2026Anzahl Plätze
Caritas/Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW)10
Ev. Fachhochschule für Sozialpädagogik /Rauhes Haus6
Timotheusgemeinde Hamburg-Horn2
Reiherstieggemeinde Wilhelmsburg2

3. Umsetzung bisheriger Forderungen
a) Welche der in den vergangenen Anfragen und Anträgen der Linksfraktion geforderten Maßnahmen (z. B. ganztägige Öffnung, Hygiene, medizinische Versorgung, Schutz besonders vulnerabler Gruppen) wurden umgesetzt?
b) Welche Defizite bestehen weiterhin, und welche Gründe nennt die Sozialbehörde für bisher nicht umgesetzte Maßnahmen?
c) Wie wird der Erfolg der umgesetzten Maßnahmen überprüft?

4. Gesundheitsversorgung und Hygiene
a) Wie ist die medizinische Versorgung in den Einrichtungen aktuell organisiert (ärztliche Betreuung, mobile Dienste, psychosoziale Unterstützung)?
b) Welche Maßnahmen wurden zur Verbesserung der hygienischen Bedingungen umgesetzt (Sanitäranlagen, Reinigung, Wäscheversorgung, Schädlingsbekämpfung)?
c) Welche verbindlichen Qualitätskontrollen oder externen Prüfungen gibt es zu Hygiene, Sicherheit und Gesundheitsschutz?
d) Welche Maßnahmen sind geplant, um katastrophale Zustände zu vermeiden?
e) Gibt es spezielle Programme zur Prävention von Krankheiten, psychischen Krisen oder Suchtproblemen in den Einrichtungen

5. Ganztägiger Schutz und besondere Bedarf
a) Ist eine ganztägige Öffnung des Winternotprogramms vorgesehen oder werden Tagesaufenthaltsmöglichkeiten angeboten? Wenn ja, für welche Gruppen und unter welchen Bedingungen?
b) Welche Maßnahmen werden ergriffen, um den Zugang für FLINTA*-Personen, Menschen mit Haustieren oder konsumierende Obdachlose zu gewährleisten?
c) Wie wird sichergestellt, dass besonders vulnerable Gruppen bei Überlastung der Einrichtungen nicht auf der Straße bleiben müssen?
d) Sind Maßnahmen vorgesehen, um Sprachbarrieren für nicht Deutsch-muttersprachige Obdachlose zu verringern und wenn ja welche?

Antwort zu 3., 4. und 5.:
Das System der Hilfen für obdachlose Menschen wird von der für Soziales zuständigen Behörde kontinuierlich unter der Berücksichtigung von Bedarfs- und Versorgungslagen fortentwickelt. Im Bereich
der Gesundheitshilfen erfolgt dies auf den Bezirk Hamburg-Mitte bezogen auch unter Berücksichtigung der Regelaufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (u.a. Infektionsschutzgesetz, Aufgaben des Sozialpsychiatrischen Dienstes) und der Präventionsangebote (u.a. Impfangebote, Maßnahmen zur TBC-Prävention) des Fachamtes Gesundheit. Dabei besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen der für Soziales zuständigen Behörde, dem Fachamt Gesundheit und F&W.
Zur Vermeidung von Sprachbarrieren erfolgt die Hinzuziehung von Dolmetschenden in der Sozialberatung an den F&W-Standorten.

Im Übrigen siehe Antwort auf die bezirkliche Anfrage Drs. 23-0412 und Drs. 23-01638 „Bericht des Ausschusses für Soziales und Integration über die Selbstbefassung „Auswertung des Winternotprogrammes 2024/2025“. Die Angaben zur Ausgestaltung des Winternotprogramms 2024/2025 gelten auch für den Durchgang 2025/2026.

6. Monitoring, Prävention und Dokumentation
a) Wie werden Todesfälle, Notfälle, Beschwerden oder gesundheitliche Vorfälle in den Einrichtungen dokumentiert und ausgewertet?
b) Welche Präventionsmaßnahmen werden ergriffen, um zukünftige Todesfälle, Erkrankungen und gesundheitliche Gefährdungen zu verhindern?
c) Welche Stellen sind für die Kontrolle und Qualitätssicherung verantwortlich, und wie wird die Umsetzung überprüft?

Alle besonderen Vorkommnisse und Besonderheiten werden von F&W in den Standorten des Winternotprogramms nachvollziehbar über ein von F&W für das Winternotprogramm entwickeltes Datenerfassungssystem erfasst und dokumentiert. Bei der bedarfsgerechten Fortentwicklung des Hamburger Hilfesystems, zu dem auch das Winternotprogramm gehört, wird von der für Soziales zuständigen Behörde berücksichtigt, dass obdachlose Menschen durch das Leben auf der Straße gesundheitlich vielfach vulnerabel und anfälliger für Krankheiten sind. Im Übrigen siehe bezirkliche Anfrage Drs. 23-0412.

7. Verbindung zu Armut und Wohnungspolitik
a) Wie bewertet die Sozialbehörde den Zusammenhang zwischen steigender Armut, sinkendem Sozialwohnungsbestand und der wachsenden Zahl obdachloser Menschen in Hamburg-Mitte?
b) Welche Strategien verfolgt die Sozialbehörde, um den Bedarf an Unterkünften, medizinischer Versorgung und sozialen Dienstleistungen in den nächsten Jahren an die wachsende Zahl Betroffener anzupassen?
c) Welche Kooperationen bestehen mit zivilgesellschaftlichen Trägern (Diakonie, Caritas, Hinz&Kunzt, Kirchengemeinden, Selbstorganisationen obdachloser Menschen), und wie werden deren Empfehlungen umgesetzt?

Für einen möglichen unmittelbar kausalen Zusammenhang zwischen Armut, Sozialwohnungsbestand und Anzahl wohnungs- bzw. obdachloser Menschen liegen keine hinreichenden Daten und Untersuchungen vor, die valide bewertende Schlussfolgerungen erlauben.
Ungeachtet dessen verfolgt der Senat zu jeder dieser Aspekte umfangreiche Strategien zur Verbesserung der Lebenslagen. In Bezug auf Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit hat die für Soziales zuständige Behörde im Rahmen der Drs. 22/18150 zu den dahingehenden Ansätzen umfassend ausgeführt, die eine Ergänzung und Fortschreibung der weiterhin geltenden konzeptionellen Weichenstellungen der Wohnungslosenhilfe in Hamburg (vgl. Drs. 21-16901) darstellen.
Die für Soziales zuständige Behörde kooperiert dabei in verschiedenen Gremien und im direkten Kontakt mit allen relevanten Institutionen, Gruppen und Personen und bezieht deren Empfehlungen bei der Fortentwicklung des Hilfesystems ein. Im Zusammenhang mit dem Winternotprogramm besteht u.a. eine von der für Soziales zuständigen Behörde geleitete Begleit-AG Winternotprogramm, die ganzjährig in zwei- bis dreimonatigem Rhythmus tagt. Teilnehmende sind die Diakonie, Caritas, hoffnungsorte Hamburg, Kemenate, F&W sowie das Bezirksamt Hamburg-Mitte mit der dort eingerichteten Koordinierungsstelle Obdachlosigkeit und das Fachamt für Grundsicherung und Soziales.

 

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