21. Mai 2015

Ich wohne aus gutem Grund am Hansaplatz – Ein Anti-Gentrifizierungs-Ruf

Ich bin als Bezirkspolitikerin und als Anwohnerin Teilnehmerin beim Forum Hansaplatz, welches im Nachgang eines Brandbriefes, gerichtet an das Bezirksamt Hamburg-Mitte ,einberufen wurde, um AnwohnerInnen und Gewerbetreibenden die Möglichkeit zu geben, ihre Sorgen und Forderungen zum Hansaplatz und Umgebung an die Politik heranzutragen und untereinander einen Austausch zu fördern.

Inzwischen hat das Forum 2 Mal getagt. Die Grundstimmung und –meinung vieler AnwohnerInnen äußerte sich dahingehend, dass es zu laut, zu dreckig und zu gefährlich auf dem Hansaplatz und der näheren Umgebung sei. Vor allem Trinkergruppen und die Drogenszene wurden dabei als Auslöser ausgemacht und benannt. Einige Väter, die ihre Kinder nicht mehr über den Hansaplatz schicken wollen und AnwohnerInnen, die nachts vom Lärm geweckt werden, machten ihrem „Leid“ deutlich Luft. Der Grundtenor, der sich mir dort eröffnete war, dass man die „Störer“ oder wie es einer der anwesenden Gäste bezeichnete „Regelverletzer“ umerziehen möchte bzw. am besten gleich aus den Augen haben möchte- was letztlich bedeutet, dass die „Randgruppen“ verschwinden sollen. Was mit ihnen passieren soll, darüber spricht jedoch niemand…

Als Anwohnerin habe ich mich ganz bewusst dafür entschieden, an den Hansaplatz zu ziehen, weil er lebt, weil noch etwas dort passiert, weil er nicht so geleckt ist wie die Lange Reihe oder die schicken Neubauten neben dem Hotel Atlantik, in denen ich zuvor gewohnt habe. Ich mag das Getümmel meiner Straße, ich mag auch die Frauen, die dort stehen, ich mag die Kneipe unter meiner Wohnung, in der die Barfrau schon seit Jahren mit harter Hand, aber Herz hinterm Tresen steht und mit ihren Gästen zum HSV-Spiel gepflegt einen säuft. Ich mag es, wenn durch mein Fenster auch mal lautes Gebrüll von der Straße dringt, weil sich mal wieder 2 Herren in die Wolle bekommen haben. Das ist für mich (auch) St. Georg. Ich möchte aus diesem Grund hier wohnen bleiben, weil ich mich bewusst für diesen Teil St. Georgs entschieden habe. Sollten sich meine Lebensumstände so verändern, dass all das nicht mehr in mein Konzept passt, werde ich umziehen- so wie es tausende anderer Hamburger machen, wenn sich ihr Leben verändert und sie einen für sie passenden Stadtteil aussuchen oder sogar aufs Land ziehen.
Ich würde nie auf die Idee kommen, meine Umgebung meinen Lebensumständen anpassen zu wollen. Die Szene auf dem Hansaplatz ist seit Jahrzehnten die Gleiche- das Hauptbahnhofviertel war immer Meltingpot für unterschiedliche Nationalitäten, für Prostitution und für Menschen, die vermutlich nicht zur Leistungsgesellschaft zählen. Geradezu vermessen fände ich den Gedanken, diese Leute dort nicht mehr leben lassen zu wollen, weil ich mein moralisches Wertesystem anderen „beibringen“ möchte. Ich kann andere Menschen und meine Umgebung kaum verändern, also muss ich mich entweder anpassen oder einen Lebensraum suchen, der zu meinen Vorstellungen passt.

Auch kann ich die Ängste einiger AnwohnerInnen nur bedingt nachvollziehen, sich nicht mehr an bestimmte Ecken des Hansaplatzes trauen zu können. Ich bin eine junge Frau von 30 Jahren- sicherlich werde ich hin und wieder angesprochen- auf dem Hansaplatz, vor meiner Haustür, auf dem Kiez, in der Schanze, in der Kneipe. Ich bin mir meiner sexuellen Projektionsfläche, die jeder Mensch nun mal auch darstellt, aber durchaus bewusst. Ich laufe fast täglich am Brunnen oder bei den Müllcontainern, wo sich immer eine Clique schwarzer Jungs aufhält, vorbei – ich bin noch nie aggressiv angemacht oder belästigt worden. Man lässt mich frohen Mutes ziehen ohne mich auch nur anzusprechen.

Ich gehöre auch zur so genannten Leistungsgesellschaft, habe 2 Studiengänge abgeschlossen, einen Vollzeit-Job, ein gutes Gehalt, bin letztes Jahr in die Bezirksversammlung gewählt worden- ich bin eine typische kinderlose Gutverdienerin der Bildungsschicht. Aber ich lasse auch andere Lebenskonzepte zu! Ich erwarte nicht von anderen Menschen, dass sie sich an die für mich geltenden Tugenden anpassen. Sicherlich möchte ich in Freiheit und Unversehrtheit leben, aber das kann ich dort, wo ich jetzt lebe!
Die Debatten beim Forum sind geprägt von dem Verständnis, dass die eigenen Interessen am notwendigsten und korrektesten seien und deshalb Anders-Lebende keinen Platz in meiner Umgebung finden können bzw. sich meinen Lebensumständen anzupassen hätten. Weitgehend gefehlt hat beim Forum das Wort Menschlichkeit. Das ist es aber, woran ich appelliere. Wir alle sind nicht berechtigt, andere Menschen aus einem öffentlichen Raum auszuschließen! St. Georg gehört allen!

Ina Morgenroth