Seit März diesen Jahres steht der Entschluss der Behörde für Bildung und Sport (BBS) fest, die Sporthalle in der Karolinenstraße 35, Ecke Grabenstraße, aufzugeben und zu veräußern. Die Turnhalle ist Bestandteil des historischen Gebäudeensembles der Israelitischen Töchterschule Dr. Alberto Jonas-Haus. Die BBS (bis vor Kurzem Dirk Nockemann) begründet ihre Entscheidung damit, dass es keine Möglichkeit gäbe, die Sporthalle in der Karolinenstraße weiter zu betreiben oder gar zu sanieren. Die Halle werde weder für schulische noch für Vereinszwecke benötigt.
Tatsächlich ist die Sporthalle von Schimmelpilz befallen Damit die Halle wieder im vollen Umfang genutzt werden kann, muss Geld für eine gründliche Sanierung in die Hand genommen werden. Die im Gebäude der Töchterschule untergebrachte Kita nutzt die Sportstätte wegen eines möglichen Gesundheitsrisikos für die Kinder momentan nicht. Diverse Betriebssportgruppen treiben weiterhin Sport in der Halle. Für das Bezirksamt Hamburg-Mitte ist die Turnhalle “ein äußerst wichtiger Sportstandort in dem innerstädtischen hoch verdichteten Stadtteil.” Das sieht Dr. Erika Hirsch, Leiterin der Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule, ebenso: “Wenn die Halle saniert würde, kann sie einen sehr großen Bedarf abdecken. Lokale Sportvereine, Betriebssportgruppen, Kitas und die Volkshochschule brauchen diese Sportstätte dringend.” Zudem könne die Halle für Kulturveranstaltungen, wie das Beispiel eines vergangenen Theaterprojekts zeigt, genutzt werden. Da es durchaus einen großen Bedarf für diese Sportstätte gibt, hat sich auch der Sanierungsbeirat Karolinenviertel mit großer Mehrheit für den Erhalt ausgesprochen.
Aber nicht nur aus sportpolitischer Sicht ist ein Erhalt der Halle notwendig. Sie zeichnet sich durch eine besondere historische Bedeutung aus. Das Bezirksamt Mitte fordert deshalb einen “behutsamen Umgang”. Bis März 1942 war die Turnhalle der Israelischen Töchterschule für Menschen mit jüdischem Hintergrund die einzige noch verbliebene Möglichkeit, in Hamburg Sport zu treiben. Dr. Erika Hirsch: “Der Direktor Dr. Alberto Jonas hat ganz zuletzt noch zu bedenken gegeben, dass jüdische Kinder nicht wie Schüler anderer Schulen in den Sportvereinen Sport treiben konnten. Das hat natürlich überhaupt niemanden mehr interessiert.” Wie die Zeitzeugin Ingrid Wecker berichtet, fertigte die Gestapo im Herbst 1941 Menschen in dieser Halle für eine Deportation nach Minsk ab. Die Menschen mussten ihr Gepäck dort hinbringen. Die SS habe die Koffer dann nach Wollsachen und Lebensmitteln durchwühlt. Dr. Erika Hirsch: “Durch die Diskussion um die Gestaltung des Lohseplatzes in der Hafencity ist die jüdische Geschichte wieder sehr präsent. In so einer Zeit zu überlegen, ob man die Halle von der letzten jüdischen Schule verkauft, finde ich schwierig.”
Sandra Clemens