6. Februar 2009

Skandal: Heuschrecken über St. Georg

Merckstift in der Knorrestraße 9

Schier Unglaubliches ereignet sich gegenwärtig in St. Georg. Am 30. Januar 2009 bekamen die BewohnerInnen des "Merckstifts" in der Knorrestraße 9 - rund zwei Dutzend StudentInnen und HartzIV-EmpfängerInnen - von der "Savills Immobilien Managment Hamburg GmbH" die Kündigung zum 28. Februar in die Briefkästen gesteckt. Begründung: "Wie Sie vielleicht in der Zeitung gelesen haben, ist das Grundstück verkauft worden. Der neue Eigentümer plant den Bau von Wohnungen und wird die Räumlichkeiten, in denen sich Ihr gemietetes Zimmer befindet, abreißen lassen."

Ein Rauswurf innerhalb von vier Wochen? Der Abriss eines wahrscheinlich denkmalwerten 115 Jahre alten Backsteingebäudes? Eine mit dem in einer Zeitung angekündigten Neubau begründete Kündigung? Ohne dass dem Bezirk angeblich auch nur ein Bauantrag vorliegt, geschweige denn eine Abriss- oder gar Neubaugenehmigung erteilt wurde? Leben wir im Wilden Westen?

Die skandalöse Vorgehensweise der Savills-Heuschrecke ist Ausdruck eines gnadenlosen Vorgehens in einem Viertel, das in den letzten Jahren zum Tummelplatz der Spekulanten geworden ist. Eigentumspreise von bis zu 6.000 Euro je Quadratmeter; Mietwohnungen, die in der Neuvermietung nicht mehr unter elf, zwölf Euro zu haben sind; 300 ehemals günstige Mietwohnungen - seit 1998 umgewandelt in unerschwingliche Eigentumswohnungen; Brandanschläge, um störende Altbauten zu beseitigen etc. - die Liste der Aufschicker und ihrer brutalen Methoden ist lang. Und die Stadt - sowohl der Bezirk als auch der Senat - lässt das alles so durchgehen. Ja, noch mehr, sie befördert diesen massiven "Bevölkerungswandel", lies: die Verdrängung von Menschen durch den Verkauf von städtischen Gebäuden im Höchstgebotsverfahren, durch eine städtebauliche Erhaltenssatzung, die zwar die Fassaden erhält, aber die dahinter gelegenen, günstigen Mietwohnungen dem Abriss anheim fallen lässt, durch die beharrliche Weigerung seit einem Jahrzehnt, endlich eine soziale Erhaltenssatzung zu verkünden.

Das Vorgehen von Savills hat mit Ende von "1000 Töpfe" an der Langen Reihe zu tun. Zum 31. Januar hat dieses "Kultkaufhaus" - wie übrigens vor kurzem auch im Schanzenviertel - seinen Betrieb geschlossen. Nun ist offenbar der Kampf um die Zukunft und die lukrative Ausnutzung des betreffenden Geländes entbrannt, eines "Filetgrundstücks" (laut "Abendblatt"), auf dem sich auch das Merckstift befindet. Und wo eine hohe Rendite winkt, da werden auch schon mal MieterInnenrechte mit Füßen getreten oder auch nur ein halbwegs menschenwürdiger Umgang völlig ignoriert. Das darf nicht unwidersprochen bleiben!

Die LINKE in St. Georg setzt sich nachdrücklich für eine soziale Erhaltenssatzung für ganz St. Georg ein, anders als die SPD-GAL-Koalition, die neuerdings eine solche Verordnung lediglich für den südlichen St. Georgs vom Hansaplatz bis zum Steindamm zu befürworten scheint. Joachim Bischoff, selbst Anwohner des Viertels, hat jetzt in einer Kleinen Anfrage an den Senat das Vorgehen der Savills und die Rolle der Behörden aufs Korn genommen. Im nächsten "BürgerInnenbrief", der er zweiwöchentlich herausgibt, wird über die Senatsantwort und den Fortgang der skandalösen Vorgänge berichtet werden.