Hornbach: Gewerbebetrieb statt naturnaher Grünfläche im Billstedter Osten

PR statt Journalismus als Teil medialer Inszenierung

Oststeinbeker Weg: Bedrohtes Idyll? Foto: Sergel

Unter dem Titel „Riesen-Baumarkt für Billstedt“, den das Hamburger Abendblatt am 19.1.2012 veröffentlichte,¹ wurde ein Vorhaben öffentlich, dessen längere Vorgeschichte sich, wie häufig bei derartigen Projekten, unter Ausschluss der Öffentlichkeit und insbesondere der betroffenen Anwohner abspielte. Da in dem Artikel kritische Anmerkungen zu dem Projekt vollständig fehlen und stattdessen im Jubelton das Vorhaben der Öffentlichkeit verkauft wird, kann man den Beitrag nicht als ernsthaft journalistisch, sondern muss ihn als PR für den Investor bezeichnen. Er ist Teil der medialen Inszenierung der Einleitung des Bebauungsplanverfahrens. Unmittelbar davor hatte das Bezirksamt noch einem Journalisten und einem Polizisten auf Nachfrage mitgeteilt, dort sei von diesem Bauvorhaben nichts bekannt.

Wulffen als Prinzip?


Ein Vorgang ganz eigener Qualität ist, dass das Hamburger Wochenblatt/Ausgabe Billstedt-Oststeinbek, zweimal journalistische Artikel, die ökologische, Verkehrs- und andere Aspekte kritisch hinterfragten, unmittelbar vor Drucklegung wieder aus der Zeitung herausnahm: einmal in der letzten Jahresausgabe 2011 und nochmals in der letzten Januarwoche 2012. Stattdessen druckte das Wochenblatt in der letzten Januarausgabe 2012 den unkritischen Artikel des Hamburger Abendblattes unverändert nach. Die Wochenblätter gehören ja inzwischen auch zum Axel-Springer-Verlag: Wulffen als Prinzip? Jeder möge sich dazu selbst seine Meinung bilden.

Auf entsprechende deutliche Beschwerden veröffentlichte das Wochenblatt dann immerhin am 1.2.2012 einen Beitrag mit einigen kritischen Betrachtungen zu Umwelt- und Verkehrsaspekten des Vorhabens².

Große Verkehrsbelastungen für Anwohner


Die für dieses Vorhaben bereitgestellte Fläche, die im Dreieck zwischen A1, Glinder Straße und Oststeinbeker Weg an der östlichen Grenze von Billstedt zu Oststeinbek liegt, grenzt unmittelbar an eine seit über 50 Jahren bestehende Wohnbebauung, getrennt nur durch den schmalen Oststeinbeker Weg. Bereits heute kommt es zu manchen Tageszeiten zu längeren Verkehrsstaus rund um die Fläche: an der Ausfahrt Öjendorf der A1 teilweise bis in die Autobahn, in der Glinder Straße bis zum Schiffbeker Weg, auch weit in den Oststeinbeker Weg hinein.

Der Investor Hornbach hat mit seinem Bauantrag auch selbst ein Gutachten zur Verkehrssituation vorgelegt, die durch den geplanten Gewerbebetrieb massiv verändert wird, und geht etwa von einer Verdopplung des Verkehrs aus, wovon die unmittelbaren Anwohner betroffen sein werden.

„Keiner hat das Recht, zu verlangen, dass es in seiner Straße nicht mehr Verkehr gibt als bisher“


Auf eine kritische Nachfrage dazu im Amt für Stadt- und Landschaftsplanung des Bezirksamtes Mitte wurde nur zynisch erwidert, „niemand“ habe „ja das Recht, zu verlangen, dass es in seiner Straße nicht mehr Verkehr geben“ dürfe „als bisher“. Für niemanden, der die Verkehrssituation vor Ort kennt, ist ersichtlich, wie diese nach Realisierung dieses Gewerbeprojektes bewältigt werden soll. Dazu kommen deutliche gesundheitsrelevante Belastungen durch Verkehr für Anwohner umliegender Quartiere. Ob und wie das bedacht wurde, fragen sich die Betroffenen vor Ort. Aber auch: was von einem Bezirksamt zu erwarten ist, dessen Fachämter etwa zu rechtswidrigen Eingriffen in Uferzonen der Glinder Au äußerten, bei ihnen habe es „niemand gegeben, der sich mit den Gesetzen auskannte“, oder die Schul- und Vorschulkinder zum Bäumefällen in den Blohms Park in Horn schickten, dazu Videos mit Untertiteln wie „die zukünftigen Mitarbeiter des Blohms Park“ produzierten und auf einer Bürgerveranstaltung verkündeten, die Kinder hätten auf Befragungen, was sie denn in Zukunft weiter gerne im Park machen würden, geantwortet: „mehr Bäume fällen!“?³

Beschädigung des Naturhaushalts im Hamburger Osten

Durch das Gewerbevorhaben Hornbach würde eine Fläche von erheblichem ökologischen Wert zerstört werden. Die amtliche Biotopkartierung der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) weist ihr mit „Teilen von Biotopkomplexen ... sehr hohe und hohe Bedeutung“ für den lokalen Naturhaushalt im Hamburger Osten zu. Die von der BSU vorgelegte „Strategie für die Entwicklung der Biodiversität in Hamburg – Grüne Vielfalt – Qualität der Stadt“ formuliert als planerisches Handlungskonzept für diesen Bereich: „Festigung von Mindeststandards zur nachhaltigen Nutzung im Bereich der Landschaftsachsen“. (4) Genau das – die nachhaltige Nutzung einer Landschaftsachse – wird mit dem Hornbach-Projekt aber nicht erfüllt: Die Fläche liegt in einer vom gültigen Landschaftsprogramm ausgewiesenen Landschaftsachse, die sich von Öjendorf über eben diesen Raum weiter an der östlichen Landesgrenze bis in die Boberger Niederung zieht. Die BSU-Strategie beschreibt sogar nördlich und südlich von diesem wichtigen ökologischen Funktionsraum ausgesprochene Handlungsschwerpunkte zur Sicherung des Naturhaushaltes im Hamburger Osten. (4) Auch der Naturschutzrat Hamburg fordert, derartige Flächen nicht zu bebauen sowie generell auch ausgewiesene Landschaftsachsen zur Sicherung ihrer Funktionen im Naturhaushalt von Bebauungen frei zu halten. Dass auch Wissenschaftler des Hamburger ClimaCampus der Universität gerade mehr Grünflächen für die Stadt einforderten (5) ebenso wie der Deutsche Wetterdienst vor einiger Zeit generell für Städte vor dem Hintergrund des Klimawandels und mehrerer zehntausend Hitzetoter in Europa im Sommer 2003, sei am Rande erwähnt. (6)

Umweltgerechtigkeit kein Thema?

Das von Investor, Verwaltung und Politik hier hinter dem Rücken der betroffenen Bürger initiierte Gewerbevorhaben, dessen Anfänge wohl in der Zeit des CDU-GAL-Senates liegen, stellt einen erheblichen Angriff auf die Lebensqualität anliegender Quartiere dar, der mit der geschilderten medialen Jubelinszenierung schöngeredet und der Öffentlichkeit verkauft werden soll. Ein gravierender, fast infam zu nennender weiterer Teil dieser Inszenierung ist, dass in den vom Investor vorgelegten Unterlagen gleich angedacht wird, östlich von der jetzt für den Bau gesicherten Fläche weitere ökologisch und sozialökologisch wichtige Grünräume, heute überwiegend Gehölz- bzw. Waldflächen, ebenfalls für „sinnvolle gewerbliche Erweiterungen“ zu zerstören: Dieses wäre eine noch stärkere Beschädigung des lokalen Naturhaushaltes und würde den Charakter anliegender Quartiere auf Hamburger und Oststeinbeker Seite völlig verändern und abwerten. Und natürlich redet darüber wieder die geschlossene Gesellschaft aus Investor, Verwaltung und Politik nicht öffentlich. Unter Aspekten von Umweltgerechtigkeit ist einzufordern, dass Zugang zu ökologisch hochwertiger Stadtnatur nicht nur in sozioökonomisch an der Spitze liegenden Stadtteilen wie etwa den Walddörfern oder den Elbvororten von Verwaltung und Politik zum Erhalt von Lebensqualität und Immobilienwerten gesichert wird, sondern auch und gerade in sozial eher problematischeren Stadtteilen wie etwa Billstedt. (7) Allerdings hat Hamburg im Gegensatz etwa zu Berlin noch nicht einmal sozioökonomische Stadtteil- und Quartiersdaten mit umweltbezogenen Daten planerisch zusammengeführt, um daraus entsprechende Handlungskonzepte und -ziele zu entwickeln: Hier hat die letztjährige „Umwelthauptstadt“ erhebliche Defizite und Nachholbedarf.


Gastbeitrag von Rudolf Sergel, der Autor ist Biologe und u.a. Mitgründer der Projektgruppe Stadtnatur Hamburg und war mehrere Jahre Mitglied bezirklicher
parlamentarischer Ausschüsse in Hamburg.


Anmerkungen:
(1) Gassdorf, U.: Riesen-Baumarkt für Billstedt. Hamburger Abendblatt, 19.1.2012, S. 12.
(2) Neschki, M.: Grünachse in Gefahr? Umweltschützer betrachten Bebauungspläne kritisch. Hamburger Wochenblatt (Ausgabe Billstedt, Kirchsteinbek, Oststeinbek), 1.2.2012.
(3) Vgl. Sergel, R.: Von sozialen Freiräumen und ökologischen Funktionsflächen zu Arealen staatlicher Kontrolle? Zur Umgestaltung von Grünflächen in Hamburg-Mitte, S. 2.
www.isebek-initiative.de/uploads/sn/Sergel_2010_Gruenflaechen-Hamburg-Mitte.pdf
(4) FHH/BSU (Hrsg.): Grüne Vielfalt – Qualität der Stadt. Strategie für die Entwicklung der Biodiversität in Hamburg, S. 30.
(5) Hillmer, A.: Städte heizen sich immer mehr auf. Hamburger Abendblatt, 18.1.2012.
(6) Hitze-Sommer 2003 hat 70.000 Europäer getötet.
www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,473614,00.html
(7) Sergel, R.: Recht auf Stadt und Zugang zu Umweltressourcen.
www.isebek-initiative.de/uploads/dokumente/background/Sergel_100318_Recht-auf-Stadtund-Zugang-zu-Umweltressourcen.pdf