Solidarität ganz praktisch

Soliaktion für Wohlers am Hansaplatz vor dem Büro Jendrusch Quelle: Michael Joho

Für viele St. GeorgerInnen war die Zeit vom Sommer 2012 bis zum Januar 2013 geprägt von der Solidarität mit der Buchhandlung Wohlers.

Der Vermieter Frank Jendrusch hatte zur Mitte des Jahres die Miete für den Laden mal eben von 1.400 auf 4.100 Euro fast verdreifacht, aus seiner Sicht ein ganz normales, marktkonformes Verhalten. Das sah nicht nur Herr Wohlers anders, der einen solchen Betrag natürlich unmöglich aus dem Buchverkauf erwirtschaften kann, auch viele Menschen im Stadtteil sind nach wie vor empört über die nackte Profitgier des Herrn Jendrusch.

Eine erste Kundgebung aus diesem Anlass führte ca. 800 St. GeorgerInnen bei strömendem Regen auf der Langen Reihe zusammen, acht weitere Veranstaltungen sollten bis Ende November folgen. Organisator war vor allem der Einwohnerverein, unterstützt wurden die Aktionen aber auch vom Bürgerverein, vom Ensemble des Schauspielhauses, Bürgerschaftsabgeordneten der LINKEN und vielen weiteren Einzelpersonen. Selbst die Bezirksversammlung forderte Jendrusch zur Rücknahme der Mieterhöhung auf, der Bezirksamtsleiter rief zu zwei „Runden Tischen“, ohne allerdings den Vermieter zu irgendwelchen Zugeständnissen bewegen zu können. Ein „weißer Ritter“, der im Oktober/November ins Spiel kam und einen Teil der Miete übernehmen wollte, wurde offenbar von Jendrusch genauso veralbert wie der Buchhändler selbst.

Problem ist die blinde Gier

Wobei klar ist, dass Wohlers ein Sonderfall, die öffentlich bekannt gewordene und diskutierte Spitze des Eisbergs ist, es gibt viele vergleichbare Fälle an und im Umfeld der Langen Reihe. Gentrifizierung ist eben nicht nur Verdrängung von MieterInnen, sondern auch Zerstörung von vorhandenen Kleingewerbe- und Einzelhandelsstrukturen. Aufwertung, eine Lieblingsvokabel der Damen und Herren Stadtentwickler, heißt eben in erster Linie Aufwertung der Immobilien und damit unbezahlbare Mieten. Das ist durch noch so schöne Gebrauchslyrik eines Herrn Schüler (Quartiersmanager am Steindamm) nicht wegzureden.

Der völlig freien Mietgestaltung im (Klein-)Gewerbebereich muss endlich ein Riegel im Sinne der Bedürfnisse der Ladenbesitzer wie deren Kunden vorgeschoben werden. Wir brauchen einen Mieterschutz auch in diesem Bereich.


Wohlers bleibt

Für die Buchhandlung Wohlers fand sich eine Lösung: 150 m entfernt wurde ein allerdings sehr viel kleinerer Laden frei, der Herrn Wohlers von einem etwas anders tickenden Immobilienbesitzer überlassen wurde. Und die St. GeorgerInnen machten ihr Versprechen wahr: Den Umzug besorgten insgesamt fast achtzig Freiwillige, die einander dabei besser kennen lernten und sogar Spaß hatten.

Dass dennoch großer politischer Handlungsbedarf besteht, wird daran deutlich, dass eine zweite Buchhandlung an der Langen Reihe Mitte Januar endgültig schließen musste: Die Milliardärsfamilie Hertz (Tchibo) hatte die Miete auf über dreitausend Euro erhöht …


Bernhard Stietz-Leipnitz, Umzugshelfer