In Zukunft nur noch dicke Luft?

Grünflächen, Stadtklima und Lufthygiene: bedeutsam für Stadtplanung in Hamburg-Mitte

Blick vom östlichen Bereich der Grünfläche Oststeinbeker Weg auf das westlich dahinter liegende Quartier Kaltenbergen, das die Klimastudie als potenziellen bioklimatischen Risikobereich identifiziert Foto: Rudolf Sergel

Die Beispiele Horner Rennbahn und Grünfläche Oststeinbeker Weg

Vor dem Hintergrund des sich vollziehenden Klimawandels müssen Städte, die schon jetzt Wärmeinseln in der Landschaft darstellen, sich auf neue und deutliche Herausforderungen einstellen. Mehrere zehntausend Tote im Hitzesommer 2003 machten klar, dass es dabei keinesfalls allein um akademische Probleme, sondern um sehr praktische Fragen geht, die direkt das Leben von Stadtbewohnern betreffen.

Städtische Grünräume erbringen – neben vielen anderen ökologischen und sozialökologischen Funktionen – auch sehr wichtige stadtklimatische Leistungen. Der BUND Hamburg wies darauf 2010 mit der Ausstellung „Lass wachsen, Hamburg! Über die Wichtigkeit von Grünräumen in der Stadt“ hin. Auch die Hamburger BSU legte kürzlich eine „Stadtklimatische Bestandsaufnahme und Bewertung für das Landschaftsprogramm“ vor, die insbesondere die Bedeutung von Grünflächen für Stadtklima, Tages- und Nachttemperaturen und Lebensqualität in der Stadt detailliert belegt.

Interessanterweise arbeitet die Studie auch Zukunftsszenarien bis um 2050 ein, die durch globalen Temperaturanstieg, aber auch städtebauliche Veränderungen beeinflusst werden. Die Anzahl heißer Tage wird erheblich zunehmen, was wiederum mit bioklimatischen Belastungen verbunden sein wird. Verbunden mit demografischen Daten wird prognostiziert, dass der bioklimatisch belastete Anteil der Hamburger Bevölkerung von derzeit etwa 28 % stark auf 84 % ansteigen wird, und davon werden auch besonders gesundheitlich empfindliche Gruppen wie junge Menschen unter 5 Jahren und ältere Menschen betroffen sein.

Auch der Bezirk Mitte weist städtische Räume und Quartiere auf, die die Studie als potenzielle bioklimatische Risikobereiche identifiziert, einige reiht sie gar unter bioklimatisch prioritäre Entwicklungsräume ein, z. B. in St. Pauli, Hamm, Mümmelmannsberg.

Hamburg-Mitte weist aber auch noch viele Grünflächen auf, die in der Untersuchung als stadtklimatisch hochwirksam benannt werden: u. a. in Wilhelmsburg, Hamm, um die Horner Rennbahn, im und um den Öjendorfer Friedhof und Park, die Grünzüge Glinder Au und Schleemer Bach, das Altspülfeld Kirchsteinbek und Räume östlich Mümmelmannsberg. Auch größere Kleingartenanlagen gehören zu solchen Räumen. Diese Grünflächen sind wichtige Kaltluftproduzenten, aus denen über Kaltluftleitbahnen Luft- und Temperaturaustausch mit überwärmten, verdichteten Räumen erfolgt. Als solche Leitbahnen können z. B. Landschaftsachsen, aber auch Gleisstrukturen dienen. Neben Kaltluftproduktion erbringen insbesondere baumbestandene Flächen hohe Leistungen in der Filterung von Luftschadstoffen.

Als eine der besonders bedeutsamen Kaltluftleitbahnen benennt die Studie u. a. die Horner Geest-Achse. Diese zieht sich durch Hamm-Horn südlich des Hammer Parks bis zum Bereich der Horner Rennbahn, von dort in der Verlängerung weiter in Richtung Öjendorf (Friedhof und Park und südlich angrenzende Bereiche). Östlich davon mündet diese Landschaftsachse in die Grünfläche Oststeinbeker Weg, die ausgewiesener Teil dieser Landschaftsachse ist und derzeit Gegenstand öffentlicher Diskussionen im Zusammenhang mit einem dort geplanten Gewerbe-Bauvorhaben. Gerade auch auf die Wichtigkeit des Erhaltes solcher Landschaftsachsen am Stadtrand geht die Untersuchung mit dem Hinweis ein, „Landschaftsachsen begünstigen … grundsätzlich vor allem am Stadtrand das Eindringen von Kaltluft aus den Kaltluftentstehungsgebieten des Umlandes in die ausgedehnten Siedlungsflächen“.

Das zur Studie gehörende Kartenwerk weist den Bereich der Horner Rennbahn und angrenzender Kleingärten als stadtklimatisch bedeutsam für Kaltluftproduktion und für Kaltluftströme aus, den Bereich der Landschaftsachse der Grünfläche Oststeinbeker Weg ebenfalls als Bereich von Kaltluftströmen. Diese beiden wichtigen Grünflächen werden derzeit aus Hamburger Verwaltung und Politik mit ökologisch abwertenden Nutzungsänderungen angegriffen: dieses wirft wiederum ein deutliches Licht auf administrative und politische Inkompetenzen, aber auch ein hohes Maß an Ignoranz gegenüber Bürgern, da sowohl die Auslieferung der Fläche an der Horner Rennbahn wie auch der Grünfläche Oststeinbeker Weg an Investoren auf deutlichen Widerstand von Bürgern treffen.


Gastbeitrag von Rudolf Sergel

Der Autor ist Biologe, Mitgründer der Projektgruppe Stadtnatur Hamburg und Sprecher des Arbeitskreises Biodiversität des BUND Hamburg

Mehr Infomationen zum Thema: www.bi-oststeinbeker-weg.de